Fahrbericht Mercedes-Benz E-Klasse All Terrain

Wem das T-Modell der Mercedes-Benz E-Klasse zu flach und zu normal ist und der GLE zu hoch und zu sehr dem modischen SUV-Trend folgend, für den stellen die Stuttgarter im Frühjahr 2017 ein neues Modell mitten in die Lücke: den Mercedes-Benz E-Klasse All Terrain. Der bringt den Innenraum der E-Klasse, hebt sich mit blankem Unterfahrschutz, grober geschnitztem Gesicht, einem Schwellerwerk und Radhauseinfassungen à la SUV sowie mit den 19-Zoll-Rädern und – wo nötig – mit der Luftfeder von der Business Class des Hauses ab, ohne dabei in die Nähe der hochbordigen Vettern zu geraten.

Genaues zum Preis ist noch nicht zu erfahren. Eingeweihte meinen, im Vergleich mit einer E-Klasse mit Ambiente-Ausstattung und dem Allradantrieb 4Matic würden etwa 4.000 Euro zusätzlich fällig werden. Dafür kommen die Luftfeder Airmatic, die großen Räder und eine weniger elegante, dafür aktiver wirkende Optik außen wie innen dazu. Ein weiterer Unterschied steckt in der Auswahl der Fahr-Charaktere. Zu den Modi „Eco“, „Comfort“ und „Sport“ kommt – statt „Sport plus“ – die Einstellung „All Terrain“ dazu.

Im Test: Mercedes E-Klasse All Terrain

Und was bringt das außer einer größeren Bodenfreiheit von maximal 64 mm gegenüber der E-Klasse?

„Vollgas!“ Der Instruktor ruft die Anweisung in sein Funkgerät. Vollgas? Wir stehen auf der verschneiten Fahrbahn hoch zum eigentlich gesperrten Timmelsjoch in knapp 2.500 Meter Höhe. „Eine Linkskurve und eine Rechtskurve, aber Vollgas!“, wiederholt der Instruktor. Ich kenne den schon seit vielen Jahren, aber Vollgas? Viel Gas muss reichen, und schon erarbeitet sich der Kollege vor mir in der ersten Kurve einen erstaunlichen Vorsprung. Ich hätte auf den Instruktor hören und der Allradtechnik samt Regelsystemen vertrauen sollen. Aber auch mit viel Gas schien es mir schon, als wäre ich noch nie eine Kurve auf Schnee und Eis schneller angegangen. Dieser All Terrain hat meinen Erfahrungshorizont angehoben.

Im Test: Mercedes E-Klasse All Terrain
Im Test: Mercedes E-Klasse All Terrain

Unterhalb der Schneegrenze bewältigte der All Terrain dann einen Waldweg, bei dem Tauwetter und Regen die Erde zwischen den großen Steinen schon lange weggespült haben. In Steigungen und Gefällen bis zu 30 Grad zeigte er seine Verwandtschaft zum SUV. Der Bildschirm in der Mitte, am rechten Rand des breiten virtuellen Cockpits, zeigt an, was die Technik gerade leistet und warnt vor Hindernissen und Engpässen.

Auf der Straße einen Unterschied im Fahrverhalten zum T-Modell der E-Klasse festzustellen, gelingt uns bei unserem Testtripp von Insbruck in das Ötztal nicht wirklich. Der All Terrain fährt sich im Asphalt-Alltag trotz der im Normalbetrieb um 29 mm höher stehenden Karosserie wie eine E-Klasse. Dazu trägt auch die Serienausstattung „Dynamic Select“ bei. Damit lassen sich fünf Fahrprogramme mit unterschiedlicher Charakteristik von Motor, Getriebe, ESP und Lenkung wählen.

Im Test: Mercedes E-Klasse All Terrain

Das neuen Fahrprogramm „All Terrain“ wurde von dem des SUV Mercedes-Benz GLE für den Einsatz im Abseits abgeleitet. Mit der komfortableren Fahrwerksauslegung und den großen Räder mit höherer Flanke erhöht sich der Fahrkomfort auf schlechten Wegstrecken. Mit der Anwahl des Fahrprogramms wird das Fahrwerk von der Luftfeder um 20 mm (bis zu einer Geschwindigkeit von 35 km/h) angehoben, die Schwellen für die Giermomenten-Regelung, die Antriebsschlupf-Regelung (ASR) und das ESP werden angehoben. Letzteres gestattet dem Heck mehr Freiheiten, was das Handling auf der schmalen, schneebedeckten Straße hoch zum Timmelsjoch erleichtert.

Fahrbericht Mercedes E-Klasse All Terrain

Den Marktstart bestreitet der All-Terrain als E 220 d 4Matic mit 143 kW / 194 PS mit dem neu entwickelten Vierzylinder-Dieselmotor. Kurze Zeit später folgt eine Variante mit Sechszylinder-Dieselmotor. Beide Modelle arbeiten mit dem neuen Neun-Gang-Automatikgetriebe 9G-Tronic. Schon die 194 PS und die 400 Newtonmeter maximales Drehmoment verschaffen dem All Terrain einen angemessenen Antritt. Mit dem Sechszylinder stellt sich dann das typische Daimler-Gefühl ein: Souveräner Vortrieb mit seinen rund 330 PS und Komfort bei allen Gelegenheiten.

Fahrbericht Mercedes E-Klasse All Terrain

Natürlich lässt sich auch der All Terrain – wie die E-Klasse – bei Infotainment, Konnektivität und Assistenzsystemen auf das höchste bei Mercedes-Benz erhältliche Niveau hochrüsten. Dazu gehört auch der „Drive Pilot“, der Assistenzsysteme zum teilautonomen Fahren zusammenfassen kann. Beim All Terrain meinten wir, spüren zu können, wie das Vertrauen der Entwickler in ihre Systeme ständig wächst. Die Zeitspannen zwischen den Aufforderungen, das Lenkrad anzufassen, werden länger, die automatischen Spurwechsel laufen glatter. Das bringt Erleichterungen besonders auf vollen Autobahnen und auf der Langstrecke, hilft aber gar nichts auf dem Timmelsjoch. (ampnet/Sm)

Die neue Mercedes E-Klasse All Terrain: Innenraum
Mercedes E-Klasse All Terrain Kofferraum

Technische Daten Mercedes-Benz E 220 d 4Matic (Mercedes-Benz E-Klasse All Terrain)

Motor: Vierzylinder-Diesel, 1.950 ccm, Direkteinspritzung, Turbolader
Motor-Nennleistung: 143 / 194 PS bei 3.800 U/min
Maximales Drehmoment: 400 Nm von 1.600-2.800
Verbrauch NEFZ kombiniert: 5,2 Liter auf 100 km
CO2-Emission kombiniert: 137 g/km
Effizienzklasse: A (Euro 6)
Beschleunigung 0-100 km/h: 8,0 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit (km/h): 232 km/h
Bodenfreiheit: 121 mm – 156 mm
Böschungswinkel: vorn 173 Grad, hinten 16,9 Grad
Wattiefe: 300 mm
Anhängelast (maximal): 2.100 kg
Steigfähigkeit: 70 Prozent

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